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Das Spiel ist der Weg

Editorial zu „EMOTIONEN UND SPIEL“

Was ist echtes Spiel?
Echtes Spiel ist eine spontane Aktivität, die weder befohlen noch gelehrt werden kann. Es ist gekennzeichnet von Vergnügen in Geborgenheit und Freiheit. Echtes Spiel ist keine Arbeit, weil es kein Ergebnis, kein Ziel oder gar eine Leistung verfolgt. Es ist nicht real und ohne Konsequenzen. Bedürfnisse und das eigene Selbst können zum Ausdruck gebracht werden. Das Spiel dient der Erforschung und weckt die Sehnsucht, Neues zu entdecken, Erlebtes zu verstehen und zu verarbeiten. Im echten Spiel ist deshalb ein geschützter Rahmen unerlässlich, den wir als fürsorgliche Erwachsene Kindern zur Verfügung stellen, so dass sie beispielsweise auch Belastendes zum Ausdruck bringen können. Trennungsängste z. B. können nicht mit dem Verstand gemildert werden, doch das Spielen kann helfen, wieder zur Ruhe zur kommen.

Alles Wesentliche wird übers Spielen sichtbar
oder „Katze Mimi will gestreichelt werden“

Die 3- jährige Mia wird zur schnurrenden Katze, die gestreichelt werden möchte. Sie schlüpft in diese Rolle, weil sie ihre Mama vermisst und der Tag in der Kita für sie mal wieder zu lang ist. Die 2 Jahre ältere Clara wird zur Tänzerin, die sich zur klassischen Musik langsam zu bewegen beginnt. Der 4 jährige Max gesellt sich als „Vater“ dazu und fühlt sich pudel wohl zwischen den zwei Schwestern und spielt mit…

Das alles fand am späten Nachmittag in der Kita statt. Die drei Kinder waren mit mir allein, fühlten sich bindungssatt und verarbeiten ihren langen Kita-Tag über dieses Rollenspiel. In dieser vertrauensvollen Umgebung konnten sie frei spielen und das wirkte sich positiv und beruhigend auf ihre Situation aus.

Spiel ist die erste und ursprünglichste Lösung bei emotionalen Problemen, weil Kinder im Spiel gefahrlos Emotionen zum Ausdruck bringen können. Dort können u.a. „Alarmiertheit und Unruhe“, mit der ein Kind besonders auch über lange Trennungen konfrontiert wird, verarbeitet werden.

Prof. Gordon Neufeld fasste drei Gesetze der Emotionen zusammen, die sich auch übers Spiel zeigen können:

1. Emotionen streben IMMER nach Ausdruck und brauchen deshalb einen sicheren Raum. Sie erfüllen eine wichtige Aufgabe und sind nicht aufzuhalten gleich dem Wasser, das bergab fließt. Emotionen können nicht „zerstört“ werden, sondern verändern NUR ihre Form und wollen im besten Fall „erlöst“ werden. Das ist der Grund, warum auch das echte Spielen so außerordentlich wichtig ist. Hier werden „natürliche Wege“ gefunden, wo Emotionen transformiert werden können. Das sehen wir bei Mia, die zur schnurrenden Katze wurde.

Emotionen werden allerdings NICHT auf Kosten der Bindung ausgedrückt, falls diese dadurch in Gefahr geriete. Wie fatal!,- weil sich die Emotionen dann einen anderen Weg suchen müssen, der nicht „adäquat und gesund“ ist, z.B. über „Verhaltensauffälligkeiten“.

2. Emotionen streben nach Bewusstwerdung
Gefühle müssen gefühlt und bewusst gemacht werden, damit wir unser volles Potential als Menschen verwirklichen können. Bewusstwerdung ist aber nur dann möglich, wenn die Verletzbarkeit nicht zu groß ist. Leider sind wir Menschen sehr verletzbare Wesen, so dass Bewusstwerdung oft ins Stocken gerät!

So brauchte ein 10 jähriger Junge in der Spieltherapie während meines Studiums sehr lange, bis er den Verlust seiner Oma verarbeitet hatte. Jedes Mal, wenn wir uns zur Spielstunde trafen, begrub er mich unter einer Matratze bis die Trauer über den Verlust der Großmutter  eingesunken und bewusst geworden war.

3. Emotionen streben nach Ausgleich
Bei diesem Gesetz gilt: „ Keine Subtraktion, sondern Addition“, das heißt,  wir fügen immer hinzu anstatt zu vermindern. „Was fühlst du UND was fühlst du NOCH?“ Wir können nur Mut entwickeln, wenn wir den Drachen UND den Schatz sehen können. Es ist eine Offenbarung zu wissen, dass ambivalente Gefühle– „ das einerseits und das andererseits“ ein Beweis für Reife sind!

Ein Beispiel „ gemischte Gefühle einladen via Maskenarbeit“ in der Kunst- und Gestaltungstherapie:
Im Schutz der Maske können wir uns auch als Erwachsene „spielend“  entdecken und Seiten in uns sichtbar machen, die normalerweise nicht sichtbar sind.  So lernte ich bereits in der Kunsttherapie-Ausbildung u.a. verschiedene innere Anteile mittels Maskenarbeit auszudrücken. ALLE Emotionen durften gefühlt und dargestellt werden und plötzlich entstand Zuversicht und Mut……

FAZIT
Wir leben in einer Gesellschaft, die Emotionen als Störfaktor, als Hindernis und Schwäche einordnet. Doch viele oder sogar die meisten der Verhaltensauffälligkeiten von Kindern haben in der Regel immer emotionale Ursachen. Aus diesem Grunde ist der EINZIGE Weg für „Heilung“ der Ausdruck (ALLER) Gefühle. Auch wurde durch eine Studie belegt, dass sich die Symptome nach Absetzen der Medikamente nur noch verschlimmerten, z. B. im Fall von Impulsivität.

Verfrühter Schwerpunkt auf Selbstbeherrschung
macht „krank“
Aufgrund dieser Zusammenhänge von Emotionen und Reifwerdung sollte von uns allen anerkannt werden, was wir verlieren, wenn wir den Gefühlen keinen Raum schenken! Botschaften, die versuchen, sie zu unterdrücken wie: „Fühl nicht“, „ ist doch nicht so schlimm“, „beruhige dich doch“ oder „weine nicht“ …… haben verhängnisvolle Konsequenzen, denn das geht auf Kosten der Persönlichkeitsentwicklung und Individualisierung. Auch lernen daraus Kinder schon sehr früh, dass es nicht ok. ist so wie es ist! Nachfolgend entstehen zusätzliche, schwerwiegende Selbstwertprobleme, die über Kompensationsstrategien, wie z. B. „weiter – höher – schneller – besser“ überdeckt werden (müssen).

Mein Plädoyer: „Rettet das Spiel“!
Echtes Spielen gerät jedoch zunehmend „in Gefahr“, weil Kinder nur noch verplant und gefördert werden, anstatt auf die natürlichen Bedürfnisse, die sie zu ihrer Reifwerdung benötigen, einzugehen.

Kinder brauchen echtes Spielen, wo der Ausdruck ALLER Emotionen möglich ist. Dazu zählen auch das freie Gestalten, wie malen, dichten, texten, singen, sich kreativ „absichtslos“ aus- drücken  … , denn DAS ist der Boden, auf dem sich die Saat des menschlichen Potentials entfalten kann. Deshalb: gebt den Kindern das Spiel zurück!

Zufällig stieß ich auf einen Satz, den ich in der Vergangenheit schon mehrmals in Erwachsenen-Gruppen zitierte und den ich bei Deborah MacNamara in ihrem neuen Buch: „Vertrauen, spielen, wachsen“ ähnlich wiederfand und der uns alle wachrütteln sollte, denn auch Erwachsene brauchen „Spielplätze und Verspieltheit“, um emotional gesund und vital zu bleiben.

„Wir hören nicht auf zu spielen, weil wir älter werden, sondern wir werden alt, weil wir aufhören zu spielen! “

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